a) eine Gruppe Fischverrückter, die sich nur mit lateinischen Namen zuballern?
b) typisch deutsch mit festen Ablaufplan und akribisch überwachten Regeln?
c) ein Zusammenschluss von diskutierfreudigen Leuten, die sich über Wasserwerte und Beckengrößen streiten?
d) im Zeiten des Internets noch notwendig?
Zu a) Verrücktheit und lateinische Namen:
Sicherlich lässt es sich sehr gut diskutieren wann Verrücktheit anfängt. Ab einer Beckenzahl im zweistelligen Bereich? Ein Becken aber nur mit Fischen der Art XY, die man extra im 450km entfernten Ort Z gekauft hat? Ist es vielleicht verrückt, dass man sich Wasser in einem Glaskasten in die eigenen vier Wände stellt.
Daher kann man bei uns eher von Fischbegeisterten sprechen. Jedes Mitglied besitz ein oder mehrere Becken. Die Einen freuen sich über ihre Lebendgebärenden Guppys, Platys und Schwertträger. Die Anderen über große Buntbarsche und Futterspezialisten.
Das mit den lateinischen Namen ist nicht unbedingt anders. Die einen sprechen gerne von ihren Apistogramma (Zwergbuntbarschen) oder den Boesemani (eigentlich Melanotaenia boesemani, auf Deutsch Boesemans Regenbogenfisch). Die Anderen von Guppys, Panzerwelsen oder Scheibenknutschis. Auf Nachfrage erklären die Einen den Anderen auch worum es geht.
Das ist bei uns normal und kein Problem. Fragen kostet nichts und (um eine beliebte Kinderserie zu zitieren) "Wer nicht fragt bleibt dumm".
Schwierig wird es aber, wenn deutsche Namen nicht existieren oder nur Phantasienamen existieren. Erstes Beispiel ist Heterandria formosa (einer der kleinesten Lebendgebärenden) für den es keinen deutschen Namen gibt. Zweites Beispiel sind Erdbeersalmler, die der Handel anbietet. Vermutlich handelt es sich bei den Tieren um Funkensalmler/Kupfersalmler.
Auch wir stoßen hier an unsere Grenzen!
zu b)Typisch deutsch
Ja, auch unser Verein entspringt der Tradition der Vereinsbildung Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts.
Ja, auch wir haben eine Vereinsordnung. Aber die gehört nunmal zum Vereinsleben dazu.
Aber nein, wir haben keine akribische Regeldiktatur.
Regelmäßig finden die Vereinsabende statt. Es gibt keine Anwesenheitspflicht oder Fehllisten mit Zahlung von Fehlbeträgen. Es gibt auch keine starre Tagesordnung, unsere ist sehr flexibel.
Es ist lediglich ein Gebot der Höflichkeit aller, dass man sich nicht unterhält während der 1.Vorsitzende oder gar der Referent spricht.
Eine Ausnahme unserer flexiblen Umgangs sind übrigens Börsen. Hier gibt es Börsenordnungen, die eingehalten werden müssen und die auf den deutschen Gesetzesvorlagen basieren (müssen). Dies dient aber im Endeffekt vor allem dem Wohl der Tiere!
zu c) Diskussionsfreudigkeit und Wasserwerte
Ja, auch bei uns wird mal diskutiert.
Nein, es wird nicht über 0,1 Einheiten des pH-Wertes bei der Haltung von Fisch XY gestritten.
Im Verein findet in Bezug auf die Haltung von Fischen ein Erfahrungsaustausch statt, der nach der alten Weisheit "Frage fünf Aquarianer wie man es richtig macht und du erhältst sieben Antworten" ablaufen kann.
Gerade beim Thema Beckengröße gehen die Meinungen in der Aquaristik manchmal sehr auseinander. Interessanterweise ist dann für den Bereich Zucht wieder vieles möglich, was für die dauerhafte Haltung undenkbar wäre ;-)
Letztendlich gibt es in der Aquaristik nie allgemeingültige Patentlösungen, da jedes Becken anders ist.
zu d) Internet
Derzeit findet eine mediale Umorientierung in unserer Gesellschaft satt. Für die jüngeren Generationen ist das Internet Normalität in Reinkultur. Kein Handy ohne Internetzugang, Facebook und Co. lassen grüßen.
Wie jedes Hobby kann auch die Aquaristik vom Internet profitieren. Kontakte werden geknüpft, der Austausch über neue Arten wird erleichtert, in Foren geben Spezialisten Tipps und man kann mal eben auf der Homepage den nächsten Termin nachlesen.
Auf Aquarienvereine kann man dennoch nicht verzichten. Im Internet besteht die Gefahr, dass falsche Informationen sich genauso schnell verbreiten wie richtige. Die Gesprächskultur in Foren bereitet oft nicht nur den Moderatoren und Administratoren Kopfzerbrechen und Ärger. Und die Anonymität bleibt irgendwie doch bestehen, trotz Facebook, Skype und Co. Gerade in Foren kollidieren oft typsiche Anfängerfragen und -probleme mit dem Interesse sich zu speziellen Sachen auszutauschen. Die Experten nervt es und sie raten dann "Suche benutzen" oder "google doch mal". Den Anfängern helfen dann oft andere Anfänger mit haarsträubenden Ratschlägen ("Skalare fressen keine Garnelen, das sind Pflanzenfresser" - vollkommener Quatsch!!!).
Wenn zum Schluss die Fische leiden oder sogar sterben, weil die Ratschläge nicht geklappt haben resignieren viele oder geben frustriert auf! Damit ist keinem geholfen!
Im Verein kann dies natürlich auch passieren, aber der Austausch läuft auf einer persönlichen Ebene ab. Wenns kritisch wird, dann schaut man auch schonmal vorbei und hilft vor Ort. Oder jemand hat Pflanzen oder Fische abzugeben, schon profitieren beide (Anbieter und Abnehmer). Und fragen kostet sowieso nix.
Auf den Vereinsabenden gibt es außerdem immer spannende Vorträge, die eben nicht immer zu 100% Aquaristik umfassen. Vielleicht ist es ja gerade ein Fakt aus diesem Vortrag, der einem bei Herrn Jauch zur Beantwortung der 320000€ Frage hilft ;-)
Letztendlich bietet der Verein auch noch andere Vorteile, die wir unter der Kategorie "Mitgliedervorteile" in der Rubrik "Über den Verein" aufgelistet haben.
Fazit:
Wer uns immer noch für internetfremde, verbissen diskutierende, streng im Ablauf verankerte Fischverrückte hält, dem kann man nur zwei Dinge raten:
1. Sich nochmal in Ruhe den Text durchlesen
2. Sich zum nächsten Vereinsabend begeben und vom Gegenteil überzeugen!